Mit seinem Netzwerk von mehr als 200 seismischen Stationen registriert der Schweizerische Erdbebendienst (SED) an der ETH Zürich in der Schweiz und im nahen benachbarten Ausland durchschnittlich drei bis vier Erdbeben pro Tag beziehungsweise 1’000 bis 1’500 Erdbeben pro Jahr.
Die Gegend um Basel ist nach dem Wallis die Region in der Schweiz mit der höchsten Erdbebengefährdung. Sie wurde in der geologischen Vergangenheit durch verschiedene tektonische Prozesse geprägt. Der Oberrheingraben, der sich vor fünfzig Millionen Jahren zu bilden begann, ist Teil eines europäischen Grabenbruchsystems, das sich von der Nordsee bis Südfrankreich erstreckt. In diesem Erdzeitalter befand sich der europäische Kontinent in einer Dehnungsphase. Zeitgleich wurden Krustenblöcke an den Rändern des Grabens angehoben; aus ihnen entstanden im Westen des Grabens die Vogesen und im Osten der Schwarzwald. Dieser Prozess führte in der Region zur Bildung zahlreicher Verwerfungen, die vorwiegend in nordnordöstlicher-südsüdwestlicher Richtung verlaufen.
Der zweite grossräumige tektonische Prozess war die letzte Phase der Alpenbildung und die Auffaltung des Juragebirges. Er begann vor etwa zehn Millionen Jahren und führte zur Bildung von Falten und Überschiebungen im Jura südlich von Basel. Es kann also auch im benachbarten Schwarzwald-Massiv, dem Jura südöstlich von Basel, insbesondere im Gebiet des Fricktals zu grösseren Beben kommen. Obwohl die heutigen Deformationen im nördlichen Alpenvorland vergleichsweise gering sind, können sich über Hunderte oder Tausende Jahre tektonische Spannungen aufbauen, die für ein Beben wie das von 1356 (Magnitude 6.6) ausreichend wären. Mit einem solchen Ereignis ist alle 2'000 bis 2'500 Jahre etwa einmal zu rechnen.
Im Kanton Graubünden ereignet sich durchschnittlich alle 30-40 Jahre ein Erdbeben, das mindestens leichte Gebäudeschäden verursacht. Eine erhöhte Aktivität ist vor allem im Unterengadin, im Münstertal und in Mittelbünden zu verzeichnen. Im Vergleich dazu ist das westliche Graubünden seismisch eher ruhig.
Die geologischen Strukturen in Graubünden bestehen aus riesigen Stapeln von übereinander geschobenen Gesteinsschichten und zeugen von der Stauchung, die zur Bildung der Alpen führte. Im Gegensatz dazu sind die heutigen Erdbeben in Graubünden meist Folge einer Dehnung. Diese entsteht durch eine Überlagerung von Spannungen: einerseits jener, die aus der andauernden Kollision zwischen Afrika und Europa resultieren, andererseits von Ausgleichsspannungen, die durch die Topographie der Alpen und ihre Wurzel bedingt sind. Offensichtlich haben sich die Spannungsverhältnisse in der Erdkruste über die Jahrmillionen geändert.
Im Wallis bebt die Erde schweizweit am häufigsten. Der SED zeichnet dort durchschnittlich in den vergangenen zehn Jahren rund 270 Beben pro Jahr auf, wobei nur etwa zwei bis drei davon jährlich verspürt wurden. Wie ein Blick in die Vergangenheit bestätigt, ereignete sich in den letzten 500 Jahren praktisch jedes Jahrhundert ein schadenbringendes Erdbeben. Das letzte derartige Beben erschütterte im Januar 1946 die Umgebung von Sierre, forderte vier Todesopfer und verursachte Sachschäden in Millionenhöhe. Heutzutage würden die Schäden eines Bebens dieser Magnitude aufgrund der dichteren Besiedlung und verletzbaren Infrastruktur um ein Vielfaches höher ausfallen.
Im Nordwallis und im nördlichen Alpenvorland entsprechen die Spannungen im Untergrund jenen, die durch die Öffnung des Atlantiks und die Kollision zwischen Afrika und Europa zu erwarten sind – Prozesse, die auch zur Entstehung der Alpen führten. In den südlichen Walliser Alpen hingegen stehen die Erdbeben meist im Zusammenhang mit Dehnung. Diese resultiert aus einer Überlagerung von Spannungen: zum einen jenen, die aus der fortwährenden Kollision zwischen Afrika und Europa hervorgehen, zum anderen von Ausgleichsspannungen, die durch die Topografie der Alpen und ihre tiefreichende Wurzel bedingt sind. Dies zeigt, dass sich die Spannungsverhältnisse in der Erdkruste über Jahrmillionen hinweg verändert haben.